Pressearchiv


Köchinnen aus dem Knast zählen zu den besten Absolventen
Von Ira Schaible, dpa


In einem Frankfurter Gefängnis können Frauen den Beruf der Köchin
lernen, während sie ihre Strafe absitzen. Ihre Lehrzeit ist kürzer
als draußen, denn in Haft kann einen nur sehr wenig ablenken. Doch
Alkohol, Hefe und Mohn bleiben für sie streng unter Verschluss.

Frankfurt/Main (dpa) - Sie tischen hinter Gittern auf. Eine
Gefangene pochiert Eier in heißem Essigwasser. Eine andere füllt
Hefeteig in kleine Kuchenformen. Ihre Mitinsassin schneidet Zwiebeln
für Risotto und für Spinat. Dabei hält sie einen kräftigen Schluck
Mineralwasser im Mund - das hilft gegen die Tränen. Sieben Insassen
des Frankfurter Frauengefängnisses bereiten in einer Lehrküche ein
Vier-Gänge-Menü zu. Nebenan verwandeln vier weibliche Häftlinge einen
der beiden Unterrichtsräume in ein Restaurant mit festlich gedeckten
Tischen. Die zentrale Frauenhaftanstalt Hessens ist eines der wenigen
Gefängnisse in Deutschland, in dem Häftlinge so etwas lernen. Sie
werden zu Köchinnen und «Gastgewerbe-Fachkräften für Küche oder
Service» ausgebildet. «Das ist mit das Beste, was man hier machen
kann», sagt eine 38-Jährige. Sie sitzt auf Jahre. Wegen Betrugs.

Internet, Shopping, Freunde - solche Ablenkungen fehlen im
Gefängnis. Daher ist die Ausbildung zur Köchin auch schneller zu
schaffen als draußen. Genau zwei Jahre dauert sie hinter Gittern -
ein Jahr kürzer als in Freiheit. Für die Fachkraft im Gastgewerbe ist
eine Verkürzung um ein Jahr - auf ein Jahr - möglich. Die 38 Jahre
alte Auszubildende kann sich gut vorstellen, nach ihrer Entlassung in
dem Beruf zu arbeiten und sogar Ernährungswissenschaften zu
studieren.

Eine 26 Jahre alte Mitgefangene ist wegen ihrer Beteiligung an
einem Drogenschmuggel zu vier Jahren und neun Monaten verurteilt. Sie
lernt sowohl Köchin als auch Servicekraft. «Die Ausbildung ist super,
um sich abzulenken, und die Zeit geht schneller voran», sagt die
Mutter mit Tränen in den Augen, als das Gespräch auf ihre Kinder
kommt. Wenn sie voraussichtlich 2014 oder 2015 entlassen werde,
möchte sie als Servicekraft arbeiten. «Und für Familienfeiern
kochen.»

13 Ausbildungsplätze zur Köchin und zur Fachkraft im Gastgewerbe
gibt es im Frauenknast, berichtet die Leiterin des Pädagogischen
Dienstes der JVA III, Sabine Brede. Die Frauen sind zwischen 22 und
50 Jahre alt. Kurz nach Beginn des neuen Lehrjahres sind elf Plätze
besetzt, einer ist noch frei. Der zwölfte geht an eine 22-Jährige,
die dafür extra aus einer Haftanstalt in Rheinland-Pfalz verlegt
wird. Zuvor mussten die Justizministerien in Mainz und Wiesbaden
zustimmen.

Was müssen die Frauen für den Lehrberuf mitbringen? Ein
Schulabschluss ist nicht zwingend, dafür aber Grundkenntnisse in
Mathe, Wirtschaft - und auch in Deutsch. Etwa 40 Prozent der rund 320
Häftlinge in Frankfurt sind Ausländerinnen. Viele von ihnen sprechen
kaum oder gar nicht Deutsch. Eine ganz seltene Ausnahme ist eine
25-jährige New Yorkerin, die in diesen Tagen nach rund zwei Jahren
Haft in die USA abgeschoben wird. Mit vier Kilo Kokain im Gepäck war
sie im Transit des Frankfurter Flughafens auf dem Weg von Argentinien
nach Schweden aufgeflogen und in das Frauengefängnis gebracht worden.

«Am Anfang war es sehr schwer», erzählt die Akademikerin, die bei
ihrer Festnahme nur ein paar Brocken Deutsch sprach. Sie hängte sich
dann aber voll ins Zeug, überzeugte im zweiten Anlauf beim Sprachtest
und hat ihre Ausbildung als Servicekraft erfolgreich abgeschlossen.
«Ich bin total dankbar für diese Chance.» Überhaupt: «Ich habe hier
so viel gelernt und mitgenommen, das kann mir niemand nehmen.»

Zusammen mit den Azubi-Servicekräften legt die Amerikanerin
akkurat weiße Tischdecken auf, deckt ein und verteilt den selbst
kreierten Blumenschmuck. Servicelehrerin Gabriele Müller achtet
darauf, dass auf dem Tisch alles stimmt, und dass sich in der
Menükarte, die die Frauen am Computer schreiben, kein Fehler
eingeschlichen hat. Ein rotes und gelbes Paprikaschaumsüppchen
eröffnet das Menü. Im Heißluftofen der Lehrküche brutzeln derweil
zwei Schweinerücken für das Hauptgericht. Daneben köchelt das
Risotto. Die Savarin-Kuchen werden unter Anleitung von
Berufsschullehrer Philipp Schrader in einem selbst gemachten Sirup
getränkt.

Die meisten Frauen, die die Ausbildung zur Köchin in der JVA III
absolvieren, sind zu mindestens vier oder fünf Jahren Haft verurteilt
worden. Die Zeit brauchen sie, um die Ausbildung zu beginnen und zu
beenden.

Mittwochs ist Restauranttag in der Lehrküche. Bis zu 40 Gäste
werden bekocht, fast alle arbeiten in der JVA. Für das köstliche und
üppige Menü bezahlen sie 7,20 Euro. Diesmal haben sich 34 Esser
angemeldet, darunter Anstaltsleiter Eugen Martz. Die Aufregung ist
den Azubis anzumerken. «Was ist, wenn ich dem Anstaltsleiter beim
Servieren die Suppe auf die Hose schütte?», habe sie schon einmal
eine Servicekraft gefragt, berichtet Brede.

«Kochen unter Restaurant-Bedingungen, also auch pünktlich zum
Essen um 12.00 Uhr fertig zu sein, ist Teil der Ausbildung», sagt die
Leiterin der Lehrküche, Bärbel Baumann. Sie arbeitet bei dem
Berufsbildungswerk, das die Ausbildung organisiert. «Draußen ist halt
doch manches anders. Den Stress gibt es hier nicht. Wir versuchen das
zu üben.» Berufsschullehrer Schrader betont: «Von Köchen wird sehr
viel verlangt.» Stress, Hitze und rauen Ton nennt er als Beispiele.

Wenn nicht Restauranttag ist, haben die Frauen Unterricht -
theoretisch und praktisch - montags bis freitags von 7.45 bis 15 Uhr.
Elf Berufsschullehrer unterrichten sie, die Prüfer der IHK kommen zum
Schluss ins Gefängnis. «Das Gesamtkonzept ist stimmig, zielgerichtet,
hochwertig und strukturiert», schwärmt Müller, die für die Ausbildung
im Gefängnis ihre Jobs bei anderen Bildungsträgern aufgegeben hat.

Gefragt sind die Knast-Köchinnen auch bei der Herstellung von
Büfetts beispielsweise für Feste der Justiz in Frankfurt und
Wiesbaden. Die Qualität ihrer Kochkünste haben sie auch dreimal beim
Grüne-Soßen-Festival unter Beweis gestellt. Zuletzt schafften sie es
bis ins Finale.

Etwas Lohn gibt es auch, wenn auch weniger als draußen. Vor der
Zwischenprüfung bekommt eine angehende Köchin 11,34 Euro brutto am
Tag, danach 12,70 Euro, wenn die Leistungen über dem
Kammer-Durchschnitt liegen. «Und das sind sie in der Regel», sagt
Brede. Eine Gefangene habe bei der Sommerprüfung 2012 sogar als eine
der Besten des IHK-Bezirks abgeschlossen. Zur Ehrung konnte die junge
Frau aber nicht kommen, weil sie zu neun Jahren Haft verurteilt
worden war und noch keine Lockerungen hatte. Eine andere Inhaftierte,
die ihre Ausbildung zur Köchin bereits abgeschlossen hat, bereitet
sich über eine Hotel-Fernschule auf ihre Meisterprüfung vor.

Denn einfach ist es für die Frauen nicht, nach der Haft eine
Stelle zu finden. Eine Ex-Gefangene, die eine Stelle als
stellvertretende Leiterin eines Restaurants in einem Hotel gefunden
hat, sei die Ausnahme. «Unseren Frauen haftet immer der Makel der
Inhaftierung an. Sie bekommen oft gar nicht die Möglichkeit, ihre
Fertigkeiten zu zeigen», bedauert Brede.

Von den 153 Frauen, die seit 1995 im Knast Köchin oder Fachkraft
im Gastgewerbe gelernt haben, ist noch keine durchgefallen. 35 haben
aufgehört - aus unterschiedlichen Gründen. Der Gelnhäuser
Berufsschullehrer Schrader, der alle zwei Wochen die Zubereitung des
Mittwochsmenüs leitet, schwärmt von der hohen Motivation seiner
Teilnehmerinnen - insbesondere im Vergleich zu seinen meist
männlichen Berufsschülern. «Das macht hier unheimlich viel Spaß»,
schwärmt der 39-Jährige.

Einen großen Unterschied zu draußen gibt es in der Lehrküche
jedoch: Alkohol, der zum Kochen verwendet wird, ist genauso unter
Verschluss wie Hefe und Mohn. Der Grund: Etwa 40 Prozent der
Gefangenen haben Alkohol- oder Drogenprobleme. Die Getränke, die mit
den einzelnen Gängen korrespondieren - vom Aperitif über den Wein bis
zum Digestif - stehen zwar auf der Menü-Karte, die Lehrlinge müssen
das auch lernen, ausgeschenkt werden sie aber nicht.

Eine 25-Jährige, die Fachkraft im Gastgewerbe lernt, schenkt
während des Essens Wasser nach («Mit Kohlensäure? Gekühlt oder
Zimmertemperatur?») und räumt die Teller des zweiten Gangs ab -
Pochiertes Ei im Brik-Teigmantel auf Lachs-Tartar. «Ist alles in
Ordnung?», fragt sie und lächelt. «Diskret und einfach soll man
fragen», erklärt die Gefangene, die wegen schweren Raubs fünf Jahre
bekam. Dann serviert sie mit einem kurzen «Vorsicht, bitte» das
Hauptgericht: Schweinerücken auf Blattspinat mit Risotto. In der
Küche richten die Frauen unterdessen die Savarin-Kuchen mit Früchten,
Eis und Sahne für den Nachtisch an.

«Die ersten zwei Jahre habe ich mit dem Urteil gekämpft», erzählt
die 25-Jährige aus dem Service. Nun will sie sich voll auf die
Ausbildung konzentrieren. «Das ist eine gute Chance, dass man das
hier machen und später Fuß fassen kann.» Sie weiß auch schon genau,
in welchem Beruf sie Geld verdienen will, wenn sie in 17 Monaten zwei
Drittel ihrer Strafe verbüßt hat und möglicherweise frei kommt: «Ich
möchte Barkeeper werden», sagt sie und strahlt.


Mit freundlicher Genehmigung der dpa Deutsche Presse-Agentur GmbH.



Fotos: Rumpenhorst